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Süchteln brennt 2018 | Mehr als nur ein Dorffest | Festivalbericht

Süchteln brennt 2017 Festivalbericht

Süchteln. Ein kleines Dörfchen in/bei/an/auf Viersen bei Mönchengladbach. Als wir dann so durch die engen Dorfgassen gurken, vorbei an unzähligen Hausparties und kirchlichen Institutionen, beschleicht mich dann doch das Gefühl: „Oh oh. Dorffest.“
Ich kenne das. Ich habe 10 Jahre lang nur 30m Luftlinie vom örtlichen Schützenplatz entfernt gewohnt. Glaubt mir, ich weiß, was es heißt, krasse Dorfparties zu erleben. Bei läppischen 10€ gilt nicht einmal die Standard-Mimi-Ausrede: „Mimimi, das ist mir zu teuer.“ Für 10 (oder 12 AK) Takken für vier megagute Bands bewegt man seinen gut genutzten Hintern dahin. Dasselbe gilt für Musikbegeisterte im Umland. Wie Stefan und mich.

Zurückgeworfen ins Dorffeeling, wo jeder jeden kennt und man sich als Außenstehender fast gar nicht komisch vorkommt, ist das Josefshaus Süchteln überraschend groß. Klar, die hüfthoch abgeklebten Wände zeugen davon, dass es hier normalerweise etwas gesitteter zugeht, aber ich bin ja nicht kleinlich. Eher bin ich begeistert, mit was für einer Technik Süchteln brennt sich präsentiert. Drei fette Kameras, inkl. Kameramännern + Schwenkkran(!!!), die dafür sorgen, dass das Geschehen in der Halle sowohl für die Ewigkeit festgehalten wird als auch live auf dem Screen im hinteren Hallenbereich zu sehen ist. Alles regiegesteuert, versteht sich.

Soledown

Soledown eröffnen mit rauem Grunge den Abend und zeigen gleich zu Anfang, dass der Sound im Josefshaus zum Niederknien ist! Was Sound- und Bildtechnik angeht, macht Süchteln brennt definitiv niemand etwas vor! Ein wenig zurückhaltend beäugt das Publikum die ersten Songs noch mit Sicherheitsabstand – wie das immer so ist. Die Band fühlt auf der Bühne heimisch, das merkt man, wenn man die Interaktion mit dem Publikum beobachtet. Man kennt sich eben. Aber auch als Auswärtige macht diese Band Laune. Ordentliche Gitarrenriffs laden zum kollektiven Headbangen ein und von Grunge-typischer Monotonie ist hier gar nichts zu spüren. Die undankbare erste Position daher vorzüglich gemeistert!

Da das Schlagzeug offensichtlich ein Festival-Schlagzeug ist, ist die Erwartung groß, dass sich die Umbaupausen in einem erträglichen Rahmen halten. Nicht an dieser Stelle. Denn die Vorbereitungen zum Stimmungstief des Abends brauchen offensichtlich länger als geplant. Für Veranstalter Markus Heines völlig überraschend wird er mit der bronzenen Stadtplakette für seine kulturelle Arbeit ausgezeichnet. Neben Süchteln brennt veranstaltet er auch die beiden Events Eier mit Speck und Luft & Pumpe. Daher eine absolut verdiente Auszeichnung, wenn man bedenkt, dass Süchteln brennt nun schon im 22. Jahr stattfindet. Der Abschrecker ist also nicht die Ehrung an sich, sondern der bilderbuch-peinliche Auftritte von Bürgermeisterin, Ortsbürgermeister und Ratsherr. Die Reden sind völlig unauthentisch deplaziert, zu lang und zu langweilig für eine solche Veranstaltung, die gerade auf dem Weg war, in Fahrt zu kommen. Es ist ein Fremdschäm-Szenario der allerersten Güte. Weitere vergeudete Minuten verstreichen, als die Pressefotos unbedingt auf der Bühne geschossen werden müssen. Bestraft werden die Beteiligten mit Buh-Rufen und Rufen, dass sie doch bitte verschwinden mögen. Feiert den lieben Markus doch standesgemäß und nicht mit so einer stocksteifen, unangenehmen Möchtegern-Zeremonie. Danke.

The Nicks

Dementsprechend haben The Nicks die tatsächlich undankbarste Aufgabe: Nicht nur ein kaltgestandenes, sondern auch ein genervtes Publikum in Wallung zu bringen. Aber die Jungs machen Ska – guten noch dazu! Es dauert also drei bis vier Songs, eine kurze Aufforderung des Sängers, endlich zu tanzen und schon kocht der Laden wieder. Ja, ein gutes Publikum kann so einfach sein! Schon vor zwei Jahren waren The Nicks bereits in Süchteln. Die Wiederholungstäter wickeln das Publikum mit klassischen Ska-Rhythmen und charmanten Ansagen mühelos um den Finger. Mit dem Cover Pogo in Togo machen sie am Ende den Sack zu und hinterlassen ein glückliches, klebriges und nassgeschwitztes Publikum.

Elfmorgen

Etwas ruhiger, aber nicht weniger laut, lösen Elfmorgen die Ska-Band ab. Ein harter Cut und für unseren Geschmack zu schwer, als dass sie uns wirklich überzeugen konnten. Auf Unterstützung vieler im Publikum konnten sie allerdings setzen. Denn sie beehren Süchteln das zweite Mal in Folge – zurecht, wenn man sich die Fanshirt-Menge unter den Zuschauern anguckt. Nicht unsere Wellenlänge, qualitativ aber hat die Band absolute Daseinsberechtigung.

Tequila and the Sunrise Gang

Das Beste und der eigentliche Grund für die Anwesenheit unserer erkältungsgeplagten Kadaver: Tequila and the Sunrise Gang. Bescheidene 550km haben die Jungs aus Kiel schon in den Knochen als sie sich z.T. sichtbar nervös für den Soundcheck auf die Bühne begeben. Jeder trägt ein T-Shirt einer glorreichen Metal-Legende. Von Iron Maiden bis Metallica, von Venom bis Judas Priest sind alle Größen der Szene vertreten. Zählt das schon als Band-Uniform? Wir finden: Definitiv!
Währenddessen hat die Promilleanzahl vor der Bühne bereits ihren Höhepunkt erreicht, parallel dazu auch die Stimmung. Mit Intoaction und On starten Tequila and the Sunrise Gang (belassen wir es bei TATSG, ja?!) in altbekannte Gewässer. Dass das Publikum Ska-Klänge begeistert annimmt, hatte es bereits bei The Nicks bewiesen, bei TATSG legt es aber noch eine Schippe drauf. Hüpfen, springen, tanzen, pogen, torkeln – alles dabei! Süchteln, Hut ab dafür. Das kenne ich auch anders. *hust* Düsseldorf *hust*

Ganz unverhofft, ohne Vorwarnung und Ansage hauen die Kieler gleich an dritter Stelle einen von vier nigelnagelneuen Songs vom kommenden Album raus. California heißt der erste Neuling und fügt sich wunderbar in die Setlist ein – mehr will ich an dieser Stelle auch gar nicht verraten. Mutig, aber naheliegend, denn die Kieler verraten, dass sie am Tag zuvor noch im Studio standen. Beste Gelegenheit also, den neuen Output gleich auf seine Livetauglichkeit zu prüfen.

Texthänger in den frischen Zeilen werden einfach sympathisch improvisiert und selbstironisch weggelächelt, denn nach den ersten Songs ist auch auf der Bühne völlige Lockerheit eingetreten. Jeder der acht Vollblutmusiker zaubert ein wahres Feuerwerk aus seinem Instrument. Immer wieder kitzeln die Bläser alles raus, was Trompete, Saxophon und Posaune zu bieten haben. Vor allem Mathis am Saxophon besticht mit ganz, ganz leisen Tönen in My Dear my Darling. Die Menge nimmt die Ruhe auf, kniet sich hin. Und nur um im nächsten Moment mit allen Instrumenten und Publikumsgesängen zusammen über das kleine Josefshaus hereinzubrechen.

Tequila and the Sunrise Gang braucht man nicht zu kennen, um sich von ihrer Musik mitreißen zu lassen. Die Hooks und Refrains der neuen Songs kann man genauso schnell mitsingen wie die der alten. Dabei kommt nichts plump oder geklaut daher.

Fazit des Abends: Süchteln brennt hat definitiv den Charme eines Dorffests. Dafür aber perfekt organisiert mit beeindruckendem Personal, Sound und Equipment. Für putzige 10 Euro hatte ich einen tollen Abend, denn die Bandauswahl war total stimmig, obwohl ich mit Elfmorgen persönlich nichts anfangen konnte.
Tja, und was TATSG angeht, kann ich mich ganz beruhigt auf das neue Album freuen, denn die Teaser versprechen wirklich gutes Zeug!

Miriam
Sie ist die Immer-In-Der-Ersten-Welle-Steherin. Meistens am Rand des Moshpit aufzufinden, um sich jederzeit in die Massen werfen zu können. Mit den Wurzeln im Punk Rock und der Faszination im Heavy Metal hört sie alles, was leise nicht zu ertragen ist und laut nie wieder aus dem Kopf geht.

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