KonzertberichteMetal

Live | Dragonforce | Hochklassige Hochgeschwindigkeit | Köln, Essigfabrik | 23.10.2017

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Nach dem Release ihres neuen Albums Reaching Into Infinity sind Dragonforce nun auf großer GB- und Europatour. Obwohl sich das Gerücht auch seit mittlerweile mehr als 10 Jahren hält, dass die Fünf-Nationen-Band live eine Katastrophe seien, haben sie nun beim Auftakt ihrer Deutschlandshows bewiesen, dass Dragonforce auf allen musikalischen Ebenen alle Maßstäbe sprengen.

Das unerträgliche Live-Erlebnis überlassen sie lieber der Vorband.
Aber einen Schritt zurück: Vor Einlass schlenderten Sänger Marc Hudson und Gitarrist Sam Totman gemütlich an der wartenden Menge vorbei, stiegen in ein Taxi und fuhren davon – vermutlich auf der Flucht. Vielleicht die erste Warnung. Die zweite hätten die barfußigen Damen mit wallendem schwarzen Haar sein müssen, unter denen liebliche Elfenohren hervorlugten. Spätestens nachdem sie in der ersten Reihe ihre aufblasbaren Schwerter zückten, hätte ich weglaufen müssen.

Twilight Force ist eine Bande vermummter Bubis, die ihre Fantasy-Welt voller Elfen und schwarzen Magiern viel zu ernst nehmen. Mit ein bisschen Selbstironie hätte man die aufgeblasene Märchenmusik noch ertragen können. So weckten Kostüme, mittelmäßiger Gesang vom Haupt-Troll und die schmierigen Melodien nur den Drang, die Schweden mit Einhornkotze zu bewerfen. Die Fremdscham war einigen ins Gesicht geschrieben. Die – warum auch immer – begeisterten Fans, von denen es nicht ganz wenige gab, haben größtenteils nach der Vorband die Essigfabrik geräumt. Der Ausblick auf Elfenohren blieb mir zum Glück erspart…

Dragonforce dagegen sind nicht nur eine andere Hausnummer, sondern jenseits von Gut und Böse. Mit Ashes of the Dawn starten Dragonforce in den Abend und legen den Schwerpunkt – völlig zu Recht! – auf ihren aktuellen Output. Und sie beweisen: Die neuen Songs funktionieren nicht nur auf Platte prächtig, sondern auch live. Das sieht offenbar auch das Publikum so, denn – wie eigentlich immer in Köln, auch wenn der Düsseldorfer das ungern zugibt – die Stimmung ist von Anfang an großartig. Jedes Mal, wenn Marc einen Circle Pit fordert, kriegt er ihn auch. Mit Seasons, nach Marc der Song von Dragonforce der am ehesten an ein Liebeslied herankommt, zeigt sich dann auch die Textsicherheit der Meute.

Der Londoner Fünfer – Keyboarder Vadim ist bei dieser Tour leider nicht mit an Bord – haben allen Unkenrufen zum Trotz bewiesen, dass sie allesamt Ausnahmemusiker sind. Und auch live in der Lage sind, das Tempo, das sie auf ihren Alben an den Tag legen, zu halten. Besonders die Gitarristen Sam und Herman fallen hier mit ihren atemberaubenden Soli ins Gesicht. Bei diesen tragen Herman und Sam offen ihre Rivalität zur Schau und zeigen, wie viel sie von den Künsten (die jeden normalen Menschen nach Luft schnappen lassen) des anderen halten – ausgesprochen wenig. Doch auch Fred und Gee brauchen sich nicht zu verstecken. Fred beweist seine Gitarrenkünste in einem Solo, in dem er Videospielmusik zitiert und von Marc am Bass begleitet wird, und Gee am Schlagzeug lässt sowieso jedes noch so hohe Tempo so lässig aussehen, als würde er Wäsche aufhängen.

Es ist inzwischen Usus, dass sich auf der Setlist von Dragonforce ein Song einschleicht, gerne etwas älter, mit dem man nicht gerechnet hätte. Auf der Tour zur The Power Within war es Fields of Despair, auf der zur Maximum Overload das grandiose Black Winter Night. Auf dieser Tour hat Heart of a Dragon von der Valley of the Damned die Ehre und fügt sich wunderbar in die Setlist ein. Diese Setlist ist übrigens für den Hochgeschwindigkeits-Metal, den Dragonforce spielen, erfreulich lang und beinhaltet auch das großartige Epos The Edge of the World, bei dem Marc auch live seine Growling-Künste unter Beweis stellt.

Dass dieser Abend ein gelungener ist, zeigt sich vor allem daran, dass das Publikum jede Pause nutzt, um die Band mit Dragonforce-Chören zu beglücken. Der Rausschmeißer im Zugabenblock ist, wie kann es anders sein, der große Hit der Band, mit welchem sie durch das Videospiel Guitar Hero III zu einiger Bekanntheit gelangten: Through the Fire and Flames. Ein würdiger Abschluss für einen grandiosen Konzertabend!

Stefan
Sozialisiert wurde er von der besten Band der Welt – die ärzte. Schon bald entdeckte er die wundervolle Welt des Metal und radikalisierte sich wie ein einsamer Wolf immer weiter und genießt inzwischen alles von Heavy bis Black Metal. Nicht im Traum kann er an einem Moshpit vorbei, ohne selbst ein wenig Verwüstung zu hinterlassen.

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