KonzertberichteMetal

Live | Kvelertak | Abriss zur rechten Zeit | Matrix, Bochum | 19.06.2017

KVELERTAKPhoto credit: Paal Audestad

Schon, als dieses Konzert angekündigt worden ist, stand fest: Da muss ich hin. Mit einer Betonung auf muss. Nicht nur, weil Kvelertak großartige Musik machen, die ich als Black Punk’n’Roll bezeichnen würde. Auch nicht nur, weil das Sextett (mit drei Gitarristen) über herausragende Live-Qualitäten verfügt. Nein, hauptsächlich, weil ich an genau diesem Tag die letzte von acht fünfstündigen Examensklausuren schreiben würde und mir danach nichts gelegener käme als ein völliger Abriss. Und wo kriegt man so einen besser als bei Kvelertak? Eben.

Doch der Abend begann mit der – mir bis dato unbekannten – Vorband Sibiir. Diese stammt wie der Headliner an diesem Abend aus Norwegen und ordnet sich selbst stilistisch als Post Metallic Blackened Hardcore ein; was auch immer das sein mag. Mit ihrem Genre-Mix, der mit dem von Kvelertak vergleichbar ist (jedoch mit höherem Sludge-Anteil), passten sie hervorragend in den Abend. Anfangs standen Sibiir mit einem, ab dem dritten Song mit zwei Gitarristen auf der Bühne. Den zweiten Saitenhexer hatten offenbar technische Probleme geplagt. Die Kellergewölbe des Matrix’ waren – ich nehme an, es lag am grandiosen Wetter – leider noch nicht so gefüllt wie die Band es verdient hätte. Für die Anwesenden jedenfalls lieferten Sibiir ab und konnten schon den ein oder anderen Nacken lockern. Stark!

Als Kvelertak (norwegisch für – sehr treffend – Würgegriff) mit Dendrofil For Yggdrasil, dem Opener des aktuellen Albums Nattesferd, die Bühne enterten, hatte ich kurz Angst. Angst, dass der so sehr herbeigesehnte Moshpit ausbleiben würde. Denn es tat sich – nichts. Doch die Angst war glücklicherweise nicht gerechtfertigt. Nach einem kräftigen Schubser kam sprichwörtlich (ganz gewaltiger) Schwung in die Bude, der bis zum Ende der nicht ganz zweistündigen Show nicht mehr abebben sollte. Bei den sommerlichen Temperaturen bedeutete dies im Bunker des Matrix vor allen Dingen eines: Schwitzen. Der Hallenboden war am Ende klatschnass, und ausnahmsweise war ich mir sicher: Das ist kein Bier. Das ist Schweiß. Irgh.

Die Setlist legte ihren Fokus auf die aktuelle Scheibe Nattesferd. Der auf diesem Album im Vergleich zu den beiden Vorgängern stärkere Classic Rock-Anteil machte sich live ganz hervorragend und konnte mir eine neue Sichtweise auf das Album bescheren. Denn die Punk-Attitüde, die den Sound und insbesondere die Konzerte von Kvelertak prägen, kam live deutlich stärker zum Tragen als auf dem Album. So wurde auch 1985, das mich als erste Auskopplung vor Erscheinen von Nattesferd noch mächtig schockte, live ein Hit. Dem Rock’n’Roll-Anteil dieser Songs kam der gut aufgelöste und dennoch druckvolle Sound an diesem Abend sehr entgegen.

Auch die ersten beiden Alben der Norweger, Kvelertak (für mich das beste Debutalbum überhaupt!) und Meir wurden ausreichend bedacht und gerade bei den Songs des selbstbetitelten Erstlingswerks stieg das Stimmungsbarometer noch einmal deutlich an. So sorgten vor allem Mjød und Blodtørst dafür, dass das Publikum (und damit auch ich) durchdrehte und sogar die rein norwegischen Texte mitsang. Den Rausschmeißer bildete Utrydd Dei Svake – ebenfalls vom Debut – und verabschiedete das komplett durchgeschwitzte und übelriechende Publikum mit einem gebrüllten „Kvelertak!“ in die immer noch heiße Bochumer Nacht.

Kvelertak haben mir genau das geliefert, was ich an diesem Abend brauchte und wollte: Einen kompletten Abriss. Euphorie. Das Gefühl der zurückerlangten Freiheit. Und sogar ein Freund, der keinen Metal hört und nur mitgekommen ist, um nach den durchgestandenen Klausuren einmal mit mir zu moshen, war hinterher überzeugt: Er wird wiederkommen.

Stefan
Sozialisiert wurde er von der besten Band der Welt – die ärzte. Schon bald entdeckte er die wundervolle Welt des Metal und radikalisierte sich wie ein einsamer Wolf immer weiter und genießt inzwischen alles von Heavy bis Black Metal. Nicht im Traum kann er an einem Moshpit vorbei, ohne selbst ein wenig Verwüstung zu hinterlassen.

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