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Massendefekt – Pazifik | Bissig(e) In/die Hölle

Massendefekt - Pazifik | Review

2018, was machst Du nur mit uns Deutschpunkrock-Freunden?! Ich werde wahnsinnig.

Nach Radio Havanna und den Donots dachte ich, dass es wohl kaum besser geht. Dann kommen Massendefekt mit Pazifik um die Ecke und lassen mich gleich nach dem ersten Hören beeindruckt zurück. Pazifik ist bissig, experimentierfreudig, überraschend politisch und vor allem dreckig.

Nach dem sehr straighten und glatten Vorgängeralbum Echos nehmen Massendefekt den Hörer beim Start des Neuen zunächst ans Patschehändchen. Der namensgebende Opener Pazifik beginnt verzweifelt schön, fast balladesk und vor allem sehr persönlich. Aber wer denkt, dass es hinten raus nicht kracht, kennt die Meerbuscher nicht.

Krachend, aber vor allem kühl und beklemmend mit hämmernden Stakkato-Riffs geht es weiter. Maschinenmenschen donnert im Refrain wunderbar dreckig los. „Das ist der Anfang vom Ende der Moral!“ Das denkt man sich leider viel zu häufig, wenn man sich derzeit in den Medien oder vor der eigenen Haustür umsieht. Genau dieses kalte Gefühl beschleicht mich, wenn Sänger Sebi sich wutentbrannt durch die Strophen hackt, die musikalisch und textlich in perfekter Symbiose trotz der Härte das Auge fürs Detail nicht verlieren. Wenn Sebi brüllt „ihr tötet nicht in meinem Namen!“ und nur noch die Nulllinie eines Herzschlags folgt, kriege ich Gänsepelle deluxe. Denn die kleinen Aha- und Entdeckungsmomente ploppen über alle zwölf Tracks hinweg immer wieder auf.

Massendefekt beziehen so klar Stellung wie nie zuvor. Die knallharten Polit-Nummern haben sie bisher immer ihren Kollegen überlassen. Jetzt ist es auch für sie Zeit, selbst den Mund aufzumachen, denn sie haben es selbst auf den Punkt gebracht: „Es ist einfach wegzusehen, aber einfach wegsehen zählt nicht mehr!“ Mit Zwischen Löwen und Lämmern haben sie endlich ihre eigene Anti-Rechts Hymne, die sich ins gemeine Punkherz brennt und deren Zeilen ich schon laut durch die Hallen dieses Landes höre:

Egal ist Heimatliebe
Egal ist Schwarz, Weiß, Rot
Egal, wie man’s auch dreht
Egal ist 88

Muss ich mehr zur Genialität dieser Doppeldeutigkeit sagen?
Am Ende geht diesen Weg mit und macht aus dem simplen Motto „Am Ende sind wir alle gleich“ ein tanzbares Mantra.

Gleichzeitig grenzen sie sich klar von blindem Optimismus ab. „Dann fresst doch weiter Scheiße, ich bleibe ein guter Pessimist!“ Hat da jemand in meinen Kopf geguckt? Könnte ich so etwas ähnliches wie Songs schreiben, hätte der von mir sein können. Schlechter Optimist ist eine großartige Punkrock-Nummer, bei der man den eigenen Kadaver mal wieder in Schwingungen bringen muss. Wer dabei wirklich noch still stehen bleibt, hat auf Massedefekt-Konzerten halt nichts zu suchen. Ganz nach dem altbewährten Motto der Band: Wer sitzt, fliegt raus!

Massendefekt - Pazifik | Review
Foto: Christian Thiele

Die Meerbuscher geben sich nicht nur gesellschaftskritisch, sondern auch sehr persönlich: Schon die Singleauskopplung Wo ich dich finde versprach den typischen Punk’n’Roll-Sound, den man von Massendefekt gewohnt ist und einen Hauch Verletzbarkeit. Verlust und das Hin und Her in Beziehungen ist durch Songs wie Pazifik, Feuer & Eis und Niemandsland hin und wieder eingestreut. Auch das Thema Depressionen grasen Massendefekt in Glanz der Sonne ab. Helle Gitarrensoli sorgen dafür, dass die Gratwanderung zwischen emotionaler Dunkelheit und Wachrütteln in kraftvolle Punk-Sounds mündet, statt in düsterem Emo-Mimi.

Trotzdem ist es keine Moral-Platte geworden, aus der man völlig fertig mit sich und der Welt rausgeht, Pazifik hat viele Facetten, in denen es durchweg glänzt!
Ein Song muss an dieser Stelle erwähnt werden, weil er sich passend unpassend ins Albumgefüge schleicht und die Überraschung des Albums schlechthin ist. Neben Maschinenmenschen mein persönliches, hart gefeiertes Highlight: In/die Hölle. Lasst den Titel auf euch wirken, geht im Kopf einige Bands mit K durch und genießt dieses herrlich bissige und selbstironische Stück in vollen Zügen.

Massendefekt haben auf Pazifik alles richtig gemacht. Damit beweisen sie, dass back to the roots nichts mit wiedergekäuter Einfallslosigkeit zu tun hat, sondern dafür sorgen kann, alte Bissigkeit wieder zu beleben. Auf höchstem Niveau spielen hier die Meerbuscher all ihre Qualitäten optimal aus und veröffentlichen mit Pazifik das beste Album ihrer Bandgeschichte.

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Pazifik | Die Fakten

Name: Pazifik
Genre: Punk Rock
Länge: 40 Minuten
Release: 16. Februar 2018
Label: MD Records

Massendefekt | Die Band

Sebi Beyer – Gitarre, Vocals
Claus Pütz – Gitarre, Vocals
Mike Duda – Bass
Alex Wolfart – Drums

Tourdaten

02.03.2018 — Münster, Deutschland — Sputnikhalle
03.03.2018 — Hamburg, Deutschland — Grünspan
09.03.2018 — Leipzig, Deutschland — Moritzbastei
10.03.2018 — Dresden, Deutschland — Puschkin
13.04.2018 — Hannover, Deutschland — Musikzentrum
14.04.2018 — Berlin, Deutschland — Bi Nuu
20.04.2018 — Frankfurt, Deutschland — Batschkapp
21.04.2018 — Stuttgart, Deutschland — Club Cann
27.04.2018 — Nürnberg, Deutschland — Hirsch
28.04.2018 — Erfurt, Deutschland — HSD
22.12.2018 — Düsseldorf, Deutschland — Mitsubischi Electric Halle

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Review overview

Gesamt:9.5

Summary

9.5

Miriam
Sie ist die Immer-In-Der-Ersten-Welle-Steherin. Meistens am Rand des Moshpit aufzufinden, um sich jederzeit in die Massen werfen zu können. Mit den Wurzeln im Punk Rock und der Faszination im Heavy Metal hört sie alles, was leise nicht zu ertragen ist und laut nie wieder aus dem Kopf geht.

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