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Interview mit Sebi von Massendefekt | Vom Ritual mit der 77 77 77

Interview Massendefekt Sebi BeyerFoto: Christian Thiele

Kurz bevor es für Massendefekt zum Auftakt ihrer Pazifik-Tour in Münster auf die Bühne ging, hat Sänger, Gitarrist und Frontmann Sebi Beyer sich ein bisschen Zeit für einige Fragen genommen.

Herzlichen Glückwunsch zu Platz 8 in den Albumcharts!
Vielen Dank!

Und, wie ist das Gefühl so zwischen Peter Maffay, dem Soundtrack von Fifty Shades of Gray und Santiano?
Ja, fühlt sich gut an! Zweite Woche und wir sind direkt wieder draußen. Wie’s so ist!

Aber die 8 war da!
Die war da, richtig! Top-Ten-Band, kannste sagen!

Dann strebt ihr als nächstes die 1 an?
Na!

Die Entwicklung ist ja da! Erst 33, 23, jetzt die 8…
Vielleicht wird’s beim nächstem Mal erst die 13!

Bei der ersten Single „Wo ich dich finde“ war ich ehrlich gesagt noch skeptisch, weil ich dachte, das geht jetzt doch wieder poppiger zu…
Findest du die poppig oder was? „Wo ich dich finde“ ist doch nicht poppig! Ich finde, das ist ne ganz straighte Punkrocknummer!

Umso glücklicher war ich, dass es doch mehr in Richtung Tangodiesel ging. Was genau hat euch denn dazu veranlasst, zu sagen, wir werden jetzt dreckiger, wir werden jetzt wieder ungemütlicher?
Es gab keinen Anlass. Es war eigentlich der Moment. Du bist im Studio, nimmst deine Songs auf… soundmäßig wollte ich nicht so klingen wie auf Echos, weil Echos ziemlich poppig aufgenommen und produziert ist, mit Absicht! Ich sag das immer in Interviews, aber so ist es halt: Alben sind bei uns immer so Momentaufnahmen. So, wie wir in dem Moment drauf sind und uns fühlen, so klingt’s halt auch! Und das einzige, was ich wollte bei Pazifik war wieder ein bisschen mehr Rotz in der Musik, aber ich wollte nicht unbedingt wieder mehr Rotz im Gesang. Ich wollte schon Dreck haben, wieder ein bisschen rauer klingen, und der Rest hat sich einfach ergeben. Das find ich auch gut! Ich glaube auch, wenn wir Echos jetzt aufgenommen hätten, würde es ganz anders klingen, als es damals geklungen hat.

Bei „Schlechter Optimist“ habe ich mich ertappt gefühlt, weil es mir genauso geht. Ist der Song autobiographisch? Geht es euch wirklich so?
Teilweise, ich persönlich bin aber ein Mensch, der eher positiv durchs Leben geht und eher eine Niederlage am Ende gut verkraften kann. Ich bin nicht pessimistisch. Andere in der Band sind’s und passen eher auf den Song. Für mich denke ich ist es zu schade, nur negativ denkend durchs Leben zu gehen und irgendwann wird’s dann doch geil und ich freu mich. Ich kann besser mit einer Niederlage umgehen, dafür geh ich aber glücklicher und fröhlicher durchs Leben. Ich bin da eher positiv gestrickt.

Aber dann habt ihr beide Seiten in der Band?
Ja, es ist beides vertreten.

Haben sich Kraftklub eigentlich schon bedankt bei euch für die Hommage?
Der ist nicht gegen Kraftklub, der ist nicht an Kraftklub gerichtet, der klingt einfach nur so! Macht auch Spaß die Nummer, klingt wirklich ähnlich. Aber wir wollen da keinem zu nahe treten, wirklich nicht.

Bei Schrei nach Liebe haben die ärzte sich hingesetzt und gesagt: Okay, wir schreiben jetzt einen Song gegen Nazis. Wie war das bei euch mit Zwischen Löwen und Lämmern? War das geplant oder hat sich das ergeben?
Ja, das war geplant. Wir haben ja bei Echos mit Neue Helden schon mal leicht das Thema angeschnitten, aber es ist in den letzten zwei Jahren so viel passiert – Flüchtlingspolitik, Pegida, Trump ist da, was alles passiert ist – und wir haben immer gesagt, Politik machen wir nicht, machen andere, da halten wir uns raus, wir wollen Musik machen! Aber irgendwann kommt auch der Punkt, an dem man denkt, Neh! Das können wir nicht mehr, wir müssen das Maul aufmachen. Wir haben schon mit Kein Bock auf Nazis zusammengearbeitet und haben auch unsere Einstellung, haben es nur nie publik gemacht. Find ich auch in Ordnung. Mittlerweile sehen wir das anders. Es ist zu viel schief gelaufen, da müssen wir mal ein Statement rausbrüllen.

Interview Massendefekt Sebi Beyer
Foto: Christian Thiele

Habt ihr das Gefühl, dass sich dadurch die Außenwahrnehmung geändert hat?
Ja, das Gefühl habe ich. Es kam sehr viel Feedback: Die Band ist politischer geworden. Das war jetzt nicht unser Ziel, dass wir deswegen hervortreten. Wir denken nur, es war an der Zeit, was zu sagen. Sobald es ein, zwei Leute gibt, die dir zuhören, bringt es ja schon was. Du musst die Meinung der Leute ja nicht ändern, aber du kannst sie auf jeden Fall dazu bringen, dass sie darüber nachdenken.

Gab es Leute, die gesagt haben, Ach, die sind auch auf den Zug gesprungen?
Das war unsere Befürchtung, aber das kam gar nicht. Deswegen haben wir es auch nicht als Video rausgebracht oder als erste Auskopplung. Aber es musste mal gesagt werden!

Bei einer Band, die schon viele Jahre auf dem Buckel und viel Material zur Verfügung hat – ist es da schwierig, alte Klassiker aus der Setlist zu kicken und neue einzubinden? Wie sortiert ihr da aus?
Ich glaub, uns fällt es leichter, weil uns gehen die alten Songs mehr auf den Sack als die neuen. Wir haben echt Spaß dran, neue Sachen zu spielen. Es ist schon schwieriger, jetzt auszusortieren, weil Pazifik das siebte Album ist, das wir gemacht haben. Da denkt man sich schon: Irgendwas fliegt jetzt. Du kannst ja keine vier Stunden spielen! Uns fällt es eigentlich leichter, Songs auszusortieren. Ich weiß aber, dass es viele Fans gibt, die gerne die ganz alten Sachen hören würden. Aber wenn wir die proben und anspielen – es klingt einfach nicht so schön wie die neuen Sachen. Man hört auch schon das Alter der Songs.

War die Schiffsfahrt eine gute Möglichkeit zu schauen, wie die neuen Songs ankommen?
Die hat geholfen, auf jeden Fall. Es war megagut! Ich hätte nicht gedacht, dass die Leute auch die neuen Songs mitsingen. Wir haben auch mit nem neuen Song angefangen, Pazifik, passt ja zur Tour. Auch die Videoauskopplungen wurden angenommen, die Leute kennen die Texte schon nach einer Woche. Ich musste gar nicht mehr viel machen, das war echt großartig. Hätte ich nicht gedacht!

Wird das Schiffskonzert jetzt zur Tradition?
Ich weiß nicht, ob die uns noch mal auf das Schiff lassen! Mal schauen, vielleicht geht’s nächstes Mal wieder auf ein Schiff, oder vielleicht gibt es noch eine andere schöne Möglichkeit.

Es kann ja nur größer werden. Von der Straßenbahn zum Schiff, nächstes Mal in der Luft?
Ja, hab ich auch überlegt! Oder ein größeres Schiff. Vielleicht die Aida? Oder die Queen Elisabeth II.? Irgendwas realistisches.

Gleich ist offizieller Tourstart. Habt ihr nach all den Jahren noch Lampenfieber?
Ich hab jetzt wieder Lampenfieber, weil ich meine Stimme eben ein bisschen zerfickt habe. Ich weiß nicht, warum. Aber doch, Nervosität ist immer da. Man konzentriert sich auch mehr, wenn man neue Songs spielt. Die alten spielt man runter, weil man sicherer ist. Man weiß, was passiert, kann sich mehr aufs Publikum einlassen. Ja, ein bisschen Nervosität ist immer da, das haben wir immer noch. Aber das legt sich beim ersten oder zweiten Song und man feiert miteinander.

Interview Massendefekt Sebi Beyer
Foto: Christian Thiele

Habt ihr Rituale?
Haben wir. Die Geschichte ist… Wir haben in Frankfurt gespielt, vor sechs Jahren, im Nachtleben. Sind durch die Straßen in Frankfurt gelaufen auf der Suche nach einer Bank. Frankfurt hat genug Banken, aber gerade die Volksbank war in Frankfurt nicht vertreten. Wir haben gesucht, sind durch die Straßen gelaufen und uns ist an einer Hauswand ein Schild aufgefallen. Das war ein Detektiv. Und die Telefonnummer war 77 77 77 [Anm. ZDK: Die Detektei hat inzwischen eine andere Telefonnummer]. Auf dem Weg und die nächsten Tage haben wir uns immer über diese Nummer kaputt gelacht, weil man die in zig Varianten vortragen kann: Siebenundsiebzig, zweimal die Sieben, Sieben, Sieben. Siebenhundertsiebenundsiebzig, zwei mal die Sieben, Sieben, ne? Und das ist dann zum Ritual geworden. Vor jeder Show stellen wir uns zusammen, klatschen uns ab, halten die Hände in die Mitte und einer gibt vor, wie diese 77 genannt wird. Dann stehen wir im Kreis, die 77 wird aufgesagt, dem Detektiv wird gehuldigt, und da gibt’s noch nen Kumpel, der dazu gekommen ist, dem wird auch gehuldigt. Den haben wir nie kennengelernt, hat uns nur ein Fan mal von erzählt. Dann wird ein Schluck getrunken und dann geht’s auf die Bühne.

Okay, das ist wirklich verrückt. Ende des Jahres geht es in die Mitsubishi Electric Halle. Wir sind da.
Sehr gut!

Wie ist bisher die Resonanz dazu?
Der Vorverkauf ist super angelaufen. Wir haben glaub ich knapp über 1.500 Tickets weg. Ist ja auch noch fast ein Jahr hin. Schauen wir mal! Wir hoffen natürlich, dass es voll wird. Dass es nicht ausverkauft wird, ist klar. Aber mal schauen, was passiert.

Gab es auch Momente, in denen ihr gedacht habt, vielleicht haben wir uns damit übernommen?
Ja, die gab es von Anfang an als das Thema aufkam. Ob wir jetzt bescheuert sind, sowas zu probieren.

Wie ist denn die Idee aufgekommen? Kam das von euch, vom Management?
Die Idee kam schon von uns! Wir saßen zusammen, und die Sache ist: Das Stahlwerk war jetzt schon zwei mal ausverkauft. Und zwar im Vorfeld schon ausverkauft, und es gab so viele Anfragen, ob es noch Tickets gibt. Es war rappelvoll! Es gab keine Chance, drei Monate vorher noch an Tickets zu kommen. Und da wir in Düsseldorf bleiben wollen beim Heimspiel ist der nächste Schritt eben die Mitsubishi Electric Halle. Und dann haben wir uns schlau gemacht. Man kann die Halle verkleinern, man kann die Halle abhängen. Man kann den Oberrang zumachen. Ich war letztens bei Prophes of Rage in der Halle, da waren glaube ich 2.000 Leute. Was ich schon traurig finde für Rage against the Machine, quasi! Und es sah überhaupt nicht so leer aus. Die hatten den Oberrang zu, hinten einen Vorhang, ein bisschen vorgefahren alles. Ich fands ganz geil. Das Konzert war super, die Leute haben gefeiert, das hat mir ein bisschen die Sorgen genommen. Und jetzt freue ich mich drauf. 2.000 hatten wir auch im Stahlwerk, und vielleicht wird’s ein bisschen mehr… Wir haben Bock!

Dann waren es wahrscheinlich auch taktische Erwägungen, dass ihr jetzt nur Münster bespielt und NRW-Kernland auslasst?
Ja, klar, einzige NRW-Show ist der Tourauftakt in Münster. Und der Rest aus NRW soll halt nach Düsseldorf kommen, bitte! Wär schön!

2018 hat stark angefangen mit Radio Havanna, Donots, Feine Sahne Fischfilet. Wie seht ihr die Entwicklung des deutschen Punkrock?
Es ist doch vorhanden, alles! Es sagen auch viele, Gitarrenmusik stirbt aus, aber das finde ich gar nicht. The Baboon Show hat auch wieder eine geile Platte rausgebracht. Talco. Es lebt alles noch, es ist alles cool – ich find’s gut, ich hör mir die Platten gerne an und mach mir jetzt keine Gedanken oder Sorgen. Geile Bands bringen geile Platten raus. Und so soll es auch sein!

Apropos – hast du noch Tipps für 2018, was man noch unbedingt hören muss? Was noch rauskommt?
Die neue Talco habt ihr bestimmt schon gehört? [Haben wir!] Tolle Platte, tolle Band, supergute Jungs. Ich feier immer noch das letzte Hot-Water-Music-Album, auch wenn es von 2017 ist. Das ist eine großartige Platte. Ich weiß gar nicht, was kommt denn alles? Ich bin nur auf uns fixiert gewesen, nichts anderes mehr im Kopf. Ich glaub, die Killerpilze bringen auch bald was raus. Wenn wir schon beim Punkrock sind. Da kommt bestimmt noch einiges. Es kam schon viel! Die neue Donots-Platte find ich großartig, Radio Havanna ist auch toll. Ich bin überfordert.

Vielen Dank für deine Zeit!
Gerne!

Miriam
Sie ist die Immer-In-Der-Ersten-Welle-Steherin. Meistens am Rand des Moshpit aufzufinden, um sich jederzeit in die Massen werfen zu können. Mit den Wurzeln im Punk Rock und der Faszination im Heavy Metal hört sie alles, was leise nicht zu ertragen ist und laut nie wieder aus dem Kopf geht.

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