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Talco – The Winner Isn’t | Wo die müden Schenkel skanken

Talco - And the Winner isnt | Review

Das Jahr 2018 habe ich mit drei musikalischen Grundannahmen begonnen:
1. Radio Havanna sind blöd.
2. Punkrock muss wieder hinter den Metal zurücktreten.
3. Tequila and the Sunrise Gang
werden, wenn nicht eine gewisse Band aus Berlin (aus Berlin!) sich mal wieder die Ehre gibt, das Album des Jahres abliefern.
Bei Nummer 1 und 2 habe ich eingesehen, dass ich wohl falsch lag. Aber Nummer 3? Sichere Bank! …nun ja, was soll ich sagen: Das wird zumindest hart!

Mit The Winner isn’t liefern Talco bereits ihr siebtes Studioalbum ab. Und beweisen eindrucksvoll, warum sie in ihrer Heimat Italien auch unter „Combat Ska“ laufen.

Der Einstieg in das Album gelingt mit einem 90-sekündigen Intro-Song, der zu Beginn Italo-Western-Spirit versprüht und sich dann im Härtegrad und in Geschwindigkeit immer weiter steigert, wie um den geneigten Hörer sanft an das, was ihn erwartet, heranzuführen. Etwas, das in Onda Immobile schon hervorragend auf den Punkt gebracht ist: Schnellen, harten, kompromisslosen Skapunk! Ohne Umschweife machen Talco klar, worin ihre große Stärke liegt: Die perfekte Verbindung von hartem Punkrock und hochmelodischem und tanzbaren Ska. Die Hooks, die die Bläser (in teils wahnwitzigem Tempo) in die Welt posaunen (pun intended – Talco haben übrigens nicht mal einen Posaunisten…), schmeicheln dem Ohr und graben sich tief in dieses hinein, während der Rest des Körpers sich ins Getümmel werfen will.

Señor Hood erinnert mich eingangs an den dutzendfach interpretierten Klassiker Jolene, lädt dann aber ausgiebig zum Skanken ein. Hierin steht Bomaye mit seinem Banjo-Intro in nichts nach. Überhaupt: Alle Songs sind kompakt und auf den Punkt gebracht, dabei dennoch vielseitig und bauen nicht nur die genretypischen Bläser, sondern auch Banjos, Akkordeons und sogar Streicher ein. Und das gelingt so mühelos, mit so viel Gespür dafür, was ein Song braucht, um meine müden Beine in Schwung zu setzen, dass ich nur den Hut ziehen kann.

Nach dem kurzen Instrumental Reclame, das alles andere als eine Pause ist, steht mit Lunga La Macabra Stanza das erste große Highlight in diesem Meer der Höhepunkte. Das Tempo wird noch einmal angezogen, und ein Chor mit Ohrwurmgarantie, den man auch außerhalb Italiens problemlos mitsingen kann, garantiert Publikumsinteraktion. Und nach dem von einem Akkordeon bestimmten titelgebenden Intermezzo steht mit La Verità der wohl stärkste Song auf The Winner isn’t. Mit meinen – als alter Lateiner – sehr beschränkten Italienischkenntnissen schnappe ich die Worte „Medien“, „Wahrheit“ und „Psychopath“ auf – selbst, wenn man sonst kein Wort versteht, merkt man spätestens jetzt, dass Talco auch noch hochpolitisch sind.

Was die Texte angeht, muss ich mich auf den Beipackzettel vom Label verlassen (apropos: Wer auch immer den geschrieben hat, wo hörst du hier bitte Iron Maiden?!). Danach sind Talco durchweg politisch, besingen Missstände wie Xenophobie, Populismus, ein verkrustetes politisches System und die Manipulation der Wahrheit. Auch wenn ich es nicht überprüfen kann – wenn eine Band packenden Skapunk mit diesen Themen verbinden kann, gebührt ihr meine Sympathie.

Das hohe Niveau halten Talco bis zum Ende durch. Weder Domingo Road noch Matematica Idea stehen in Spielfreude, Ohrwurmcharakter und Tanzbarkeit dem Rest des Albums nach. Talco liefern ein Album ab, das in sich stimmig und rund ist. Und auch den müdesten Tanzmuffel auf die Beine bringen dürfte (mich zum Beispiel). Da tut es auch keinen Abbruch, dass – die Bonustracks unberücksichtigt – das Album nach etwas mehr als 30 Minuten auch schon vorbei ist. Manchmal braucht es nicht mehr, um alles zu sagen.

Apropos Bonustracks: Talco liefern dem Käufer der Limited Edition auch noch bandeigene Klassiker in anderen Sprachen, namentlich auf Spanisch (La Torre, Danza Dell’autunno Rossa), Englisch (La Mia Città) und einer Sprache, die – frei nach Douglas Adams – fast, aber eben auch nur fast, gar nichts mit Deutsch zu tun hat (St. Pauli). Spaß beiseite – eine wundervolle und sehr gelungene Geste an die Fans der Band, die kein Italienisch sprechen.

Nur aus einem Grund verweigere ich alter Hund an dieser Stelle die Höchstwertung. Ich erwarte im April Tequila and the Sunrise Gang.

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The Winner Isn't | Die Fakten

Name: The Winner Isn’t
Genre: Combat Ska
Länge: 30 Minuten
Release: 23. Februar 2018
Label: Long Beach Records

Talco | Die Band

Dema – Gesang / Gitarre
Jesus – Gitarre
Ketto – Bass
Nick – Schlagzeug
Cioro – Saxophon
Turborizia – Trompete

Tourdaten

23.02. Berlin, Ramones Museum (Akustik Release Konzert)
24.02. München, Schwarzer Hahn (Akustik Release Konzert)
25.02. Hamburg, Fanräume FC St. Pauli (Akustik Release Konzert)
09.03.18 München, Backstage
10.03.18 Berlin, Astra
16.03.18 Stuttgart, LKA Longhorn
17.03.18 Köln, Live Music Hall
23.03.18 Hamburg, Fabrik (ausverkauft)
24.03.18 Hamburg, Fabrik (Zusatzkonzert)
07.-09.06.18 Greenfield Festival
22.-24.06.18 Hurricane Festival
22.-24.06.18 Southside Festival
04.08.18 Trosse Kult Festival
08.-12.08.18 Open Flair Festival
09.-12.08.18 Taubertal Festival
30.08.-01.09.18 Streets Festival

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Review overview

Gesamt:9.5

Summary

9.5

Stefan
Sozialisiert wurde er von der besten Band der Welt – die ärzte. Schon bald entdeckte er die wundervolle Welt des Metal und radikalisierte sich wie ein einsamer Wolf immer weiter und genießt inzwischen alles von Heavy bis Black Metal. Nicht im Traum kann er an einem Moshpit vorbei, ohne selbst ein wenig Verwüstung zu hinterlassen.

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